Das Fühlen lernen

Das Buch von Lisa Barrett "Wie Gefühle entstehen" war mein großes Lesevergnügen des letzten Jahres. Wobei – es war nicht immer nur Vergnügen, sondern auch Anstrengung und hochkonzentrierte Arbeit, diese neue Sicht auf Gefühle zu verstehen. Einiges an altem Wissen musste ich über Bord werfen, und das machte es schwieriger – doch auch umso spannender.

Ich arbeitete mit Zeichnungen, mit einem Glossar, mit Wiederholungen – ich wollte es von Grund auf verstehen! Dieses Wissen kann nun wieder gut in meine Arbeit einfließen. Ich bin immer sehr froh, wenn ich Menschen Wissen vermitteln kann, das nützlich und hilfreich ist. Und diese Erkenntnisse sind hilfreich!

Bevor wir glauben, etwas zu fühlen, ist bereits eine Körperreaktion vorhanden. Irgendwo und irgendwie in unserem Körper hat sich etwas geregt. Diese Erregung bewegt sich in einer Matrix von angenehm/unangenehm und hoch erregt/wenig erregt. Wie dieser körperliche Vorgang nun bewertet bzw. gelabelt wird, das ist dann das Gefühl. Und dieses ist geprägt vom Kontext, von Kultur und persönlicher Geschichte.

Warum ist dies ein wertvolles Wissen? Barrett zeigt uns, dass es bedeutsam ist, körperliche Veränderungen wahrzunehmen und diese dann einer Gefühlsbezeichnung zuzuordnen. Es liegt auf der Hand: Je mehr ich meine inneren Körperveränderungen wahrnehmen kann, desto besser kann ich sie unterschiedlichen Emotionen zuordnen. Das wiederum ermöglicht mir, gut für mich zu sorgen, denn Gefühle sind ja immer auch ein Wegweiser für Bedürfnisse.

Doch noch viel mehr passiert, wenn ich diese Interozeption – das ist der Begriff für die Innenschau – praktiziere: Es findet dabei zugleich eine Regulierung der Gefühle statt. Indem ich zum Beobachter dessen werde, was in meinem Körper passiert, ermögliche ich, dass die automatisierten - und manchmal falschen - Vorhersagen, die das Gehirn immer macht, unterbrochen und korrigiert werden. So entsteht mehr Raum zwischen Reiz und Reaktion, und ich habe die Möglichkeit, bewusster zu wählen, wie ich mit dem, was ich fühle, umgehen möchte.

Gefühle sind keine Naturgewalt, der man hilflos ausgeliefert ist, sondern etwas, das man wahrnehmen, verstehen und im Umgang damit lernen kann. Emotionaler Reichtum bedeutet, nicht weniger zu fühlen, sondern viele unterschiedliche Gefühle – auch die unbequemen – zu spüren, zu leben und anzuerkennen. Gefühle zu unterdrücken – meist will man ja die unangenehmen nicht spüren – hat einen Preis, einen hohen. Denn dieser Mechanismus wirkt nicht selektiv: Er erstreckt sich auf unangenehme Gefühle, aber auch auf die angenehmen wie Glück, Dankbarkeit oder Freude. Auch diese werden dann nicht mehr im vollen Maße zugänglich!

Auch körperlich kann Verdrängung oder Unterdrückung Auswirkungen haben: Nicht wahrgenommene oder dauerhaft unterdrückte Gefühle können sich auch im Körper zeigen – mit Beschwerden, deren Zusammenhang mit dem eigentlichen Gefühl dann oft nicht mehr erkennbar ist.

Das Wissen um Gefühle bedeutet also vor allem: sie zu kultivieren, statt sie zu vereinfachen oder zu unterdrücken. Je feiner ich unterscheiden kann, was in mir vorgeht, desto reicher wird mein emotionales Leben. Wie man fühlen lernt – das ist eine Fähigkeit, die sich üben lässt, Schritt für Schritt.

Elisabeth Walcher